Wenn Haushaltsgeräte funken – Störquellen im Äther
Warum dein SDR rauscht und der Kühlschrank schuld ist
Du hast dir einen RTL-SDR¹ gekauft, alles eingesteckt, auf 433 MHz geschaltet – und siehst nur Rauschen. Überall. Auf jeder Frequenz. Willkommen im Klub. Dein Zuhause ist ein elektromagnetisches Schlachtfeld.
Das unsichtbare Chaos
Moderne Haushalte sind voller Geräte, die unbeabsichtigt funken. Nicht mit Absicht – aber jedes Schaltnetzteil², jede LED-Lampe, jeder USB-Hub erzeugt elektromagnetische Störungen. Für den Fernseher ist das egal. Für deinen empfindlichen SDR-Empfänger ist es die Hölle.
Das Phänomen hat einen Namen: RFI³ – Radio Frequency Interference. Und es ist schlimmer geworden, seit wir billige Elektronik aus Fernost in jeden Winkel unserer Wohnungen gestellt haben.
Die üblichen Verdächtigen
LED-Lampen – Die stillen Schreier
| Eigenschaft | Details |
|---|---|
| Störfrequenz | 30–300 MHz |
| Charakteristik | Pulse, Spikes, Breitband-Rauschen |
| Ursache | PWM⁴-Dimmer, billige Treiber |
LED-Lampen sind energieeffizient und langlebig. Aber ihre Treiberschaltungen arbeiten mit Hochfrequenz – und billige Modelle haben kaum Entstörfilter. Das Ergebnis: Dein Kurzwellenempfang wird zum Rauschteppich.
Der Test: Schalte alle LED-Lampen im Raum aus. Wenn das Rauschen um 10 dB⁵ sinkt, hast du den Täter gefunden.
Die Lösung: Markenlampen von Osram oder Philips haben bessere Entstörung. Oder: gute alte Halogenlampen für den SDR-Raum.
Schaltnetzteile – Die Dauersender
| Eigenschaft | Details |
|---|---|
| Störfrequenz | 50–200 kHz + Harmonische⁶ |
| Charakteristik | Kontinuierliches Breitband-Rauschen |
| Ursache | Schaltfrequenz, fehlende Schirmung |
Jedes Ladegerät, jedes Laptop-Netzteil, jede USB-Stromversorgung ist ein Schaltnetzteil. Sie wandeln 230V Wechselstrom in niedrige Gleichspannung um – und erzeugen dabei Störungen, die bis weit in den Kurzwellenbereich reichen.
Der Test: Netzteil ausstecken, Noise-Floor beobachten.
Die Lösung: Ferritkerne⁷ um die Kabel wickeln. Oder: Linear-Netzteil verwenden (teuer, aber störungsfrei).
USB-Hubs und Computer – Die Breitband-Bomber
| Eigenschaft | Details |
|---|---|
| Störfrequenz | 100–500 MHz, 2.4 GHz (USB 3.0) |
| Charakteristik | Periodische Spikes alle 100 MHz |
| Ursache | Taktgeneratoren, USB-Datenleitungen |
Dein Computer ist eine Störquelle auf Beinen. Der CPU-Taktgenerator, die RAM-Module, die USB-Schnittstellen – alles erzeugt elektromagnetische Felder. Besonders USB 3.0 ist berüchtigt: Es stört massiv im 2.4 GHz-Band – genau dort, wo WLAN und Bluetooth arbeiten.
Der Test: SDR über eine 3 Meter USB-Verlängerung anschließen. Abstand zum Computer = weniger Störungen.
Die Lösung: USB-Isolatoren⁸ verwenden, Ferrite ans Kabel, SDR möglichst weit vom PC entfernt betreiben.
Monitore und HDMI-Kabel – Die Harmonischen-Fabriken
| Eigenschaft | Details |
|---|---|
| Störfrequenz | 148.5, 297, 594, 891 MHz |
| Charakteristik | Schmale Spikes bei bestimmten Frequenzen |
| Ursache | Pixel-Takt Harmonische |
HDMI überträgt Daten mit 148.5 MHz Pixel-Takt (1080p). Die Harmonischen dieses Takts tauchen als schmale Störspitzen im gesamten VHF/UHF-Bereich auf.
Der Test: Monitor ausschalten oder HDMI-Kabel abstecken.
Die Lösung: Geschirmte HDMI-Kabel, Ferritkerne an beiden Enden.
Der Kühlschrank – Der Boss der Appliance-Resistance
Der Kühlschrank verdient besondere Erwähnung. Sein Kompressor schaltet mehrmals pro Stunde ein und aus – und jedes Mal gibt es einen elektromagnetischen Impuls. Moderne Kühlschränke mit Inverter-Kompressor sind sogar noch schlimmer: Sie regeln stufenlos und erzeugen kontinuierlich Störungen.
Die Lösung: Akzeptieren. Der Kühlschrank muss laufen. Aber: SDR-Antenne möglichst weit weg aufstellen.
Die Störquellen-Jagd
Du willst wissen, welches Gerät stört? Hier ist dein Jagdplan:
Methode 1: Systematisches Ausschalten
- Baseline aufnehmen – SDR einschalten, Noise-Floor notieren
- Sicherungen einzeln ausschalten – Raumweise das Haus stromlos machen
- Schuldigen identifizieren – Wenn das Rauschen sinkt, ist der Täter im ausgeschalteten Stromkreis
- Gerät identifizieren – Im verdächtigen Raum einzelne Geräte ausstecken
Methode 2: Der HackRF als Störungsdetektor
# Störungen über Frequenzbereich scannen
hackrf_sweep -f 50:1000 -w 100000 -l 16 -g 16 > baseline.csv
# Gerät einschalten, erneut scannen
hackrf_sweep -f 50:1000 -w 100000 -l 16 -g 16 > mitgeraet.csv
# Differenz zeigt Störfrequenzen
Methode 3: Die Ferrit-Wanderung
Ferritkerne sind wie Diagnose-Tools. Klemme einen Ferrit ans Kabel eines verdächtigen Geräts. Wenn die Störung sinkt: Täter gefunden. Wenn nicht: nächstes Gerät.
Die Störquellen-Tabelle
| Störquelle | Frequenzbereich | Störungstyp | Lösung | Schwierigkeit |
|---|---|---|---|---|
| LED-Lampe | 30–300 MHz | Breitband | Austausch, Ferrit | ⭐⭐ |
| Schaltnetzteil | 50 kHz – 30 MHz | Breitband | Linear-NT, Ferrit | ⭐⭐⭐ |
| USB 3.0 | 2.4–2.5 GHz | Breitband | USB 2.0 Port | ⭐ |
| HDMI-Kabel | 150, 300, 600 MHz | Spikes | Geschirmtes Kabel | ⭐⭐ |
| Laptop-Ladegerät | 100 kHz – 10 MHz | Kontinuierlich | Akkubetrieb | ⭐ |
| Kühlschrank | Breitband-Impulse | Periodisch | Abstand | ⭐ |
| WLAN-Router | 2.4, 5 GHz | Dauersignal | Abstand, Kanal | ⭐ |
Die Gegenmittel
Ferritkerne – Deine erste Verteidigungslinie
Ferritkerne sind billig und effektiv. Aber nicht alle Ferrite sind gleich:
| Ferrit-Material | Frequenzbereich | Anwendung |
|---|---|---|
| Typ 31 | 1–30 MHz | Kurzwelle, HF |
| Typ 43 | 30–300 MHz | VHF, UKW |
| Typ 61 | 200 MHz – 1 GHz | UHF |
Installation: Kabel 5–10× durch den Ferritkern wickeln. Mehr Windungen = mehr Dämpfung.
Abstand – Die einfachste Lösung
Elektromagnetische Feldstärke nimmt quadratisch mit der Entfernung ab. 2 Meter Abstand statt 1 Meter = 75% weniger Störung.
- SDR-Antenne ins Fenster, nicht neben den PC
- USB-Verlängerungskabel nutzen
- Wenn möglich: SDR im Garten, Daten über WLAN
Abschirmung – Der Faraday-Käfig
Für extreme Fälle: Den SDR in eine Metallbox stecken. Mit BNC-Durchführung für die Antenne. Das schirmt lokale Störquellen ab – funktioniert aber nur, wenn die Störungen über USB/Strom kommen, nicht über die Antenne.
Linear-Netzteile – Die störungsfreie Alternative
Linear-Netzteile arbeiten ohne Schaltfrequenz. Sie sind größer, schwerer, ineffizienter – aber absolut störungsfrei. Für ernsthafte SDR-Projekte die beste Stromversorgung.
Die EMV-Norm-Wahrheit
Theoretisch müssen alle Geräte die EMV-Richtlinie⁹ erfüllen. Praktisch:
- Billigimporte schummeln beim CE-Zeichen
- Grenzwerte sind für Normalverbraucher, nicht für SDR-Enthusiasten
- Alterung verschlechtert die Entstörung
Die Bundesnetzagentur¹⁰ kann bei massiven Störungen helfen – aber nur, wenn die Störquelle gegen Normen verstößt.
Die 17,3 MHz Verschwörung im Alltag
Ist dir aufgefallen, dass 17,3 cm genau die Wellenlänge für 433 MHz ISM-Band ist? Und dass deine LED-Lampen zufällig in genau diesem Bereich stören?
Vielleicht ist das ein Zufall. Vielleicht ist es ein kosmisches Zeichen, dass das Universum deine Funkexperimente sabotiert.
Oder vielleicht ist es einfach schlechte chinesische Fertigungsqualität.
Aber wo wäre da der Spaß?
Fazit
Dein Zuhause ist ein elektromagnetisches Minenfeld. Aber mit systematischer Fehlersuche, ein paar Ferritkernen und etwas Abstand wird aus dem Rauschen wieder ein brauchbares Spektrum.
Die wichtigsten Regeln:
- Isolieren – SDR weg vom Computer
- Ferritieren – Kabel mit Kernen entstören
- Eliminieren – Billige LED-Lampen austauschen
- Akzeptieren – Den Kühlschrank kannst du nicht besiegen
Und wenn gar nichts hilft: Nachts ist das Rauschen immer am geringsten. Die meisten Störquellen schlafen dann auch.
Weiterführend: RTL-SDR für Einsteiger | Das 433 MHz ISM-Band | Funk-Glossar
Dieser Artikel ist Teil des Hintergrundwissens zum Techno-Thriller von Kairos Aletheia. Frequenzen, SDR und Funktechnik - verständlich erklärt.
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