Wenn Haushaltsgeräte funken – Störquellen im Äther

fun 7 Min. Lesezeit

Warum dein SDR rauscht und der Kühlschrank schuld ist

Du hast dir einen RTL-SDR¹ gekauft, alles eingesteckt, auf 433 MHz geschaltet – und siehst nur Rauschen. Überall. Auf jeder Frequenz. Willkommen im Klub. Dein Zuhause ist ein elektromagnetisches Schlachtfeld.


Das unsichtbare Chaos

Moderne Haushalte sind voller Geräte, die unbeabsichtigt funken. Nicht mit Absicht – aber jedes Schaltnetzteil², jede LED-Lampe, jeder USB-Hub erzeugt elektromagnetische Störungen. Für den Fernseher ist das egal. Für deinen empfindlichen SDR-Empfänger ist es die Hölle.

Das Phänomen hat einen Namen: RFI³ – Radio Frequency Interference. Und es ist schlimmer geworden, seit wir billige Elektronik aus Fernost in jeden Winkel unserer Wohnungen gestellt haben.


Die üblichen Verdächtigen

LED-Lampen – Die stillen Schreier

Eigenschaft Details
Störfrequenz 30–300 MHz
Charakteristik Pulse, Spikes, Breitband-Rauschen
Ursache PWM-Dimmer, billige Treiber

LED-Lampen sind energieeffizient und langlebig. Aber ihre Treiberschaltungen arbeiten mit Hochfrequenz – und billige Modelle haben kaum Entstörfilter. Das Ergebnis: Dein Kurzwellenempfang wird zum Rauschteppich.

Der Test: Schalte alle LED-Lampen im Raum aus. Wenn das Rauschen um 10 dB sinkt, hast du den Täter gefunden.

Die Lösung: Markenlampen von Osram oder Philips haben bessere Entstörung. Oder: gute alte Halogenlampen für den SDR-Raum.

Schaltnetzteile – Die Dauersender

Eigenschaft Details
Störfrequenz 50–200 kHz + Harmonische
Charakteristik Kontinuierliches Breitband-Rauschen
Ursache Schaltfrequenz, fehlende Schirmung

Jedes Ladegerät, jedes Laptop-Netzteil, jede USB-Stromversorgung ist ein Schaltnetzteil. Sie wandeln 230V Wechselstrom in niedrige Gleichspannung um – und erzeugen dabei Störungen, die bis weit in den Kurzwellenbereich reichen.

Der Test: Netzteil ausstecken, Noise-Floor beobachten.

Die Lösung: Ferritkerne um die Kabel wickeln. Oder: Linear-Netzteil verwenden (teuer, aber störungsfrei).

USB-Hubs und Computer – Die Breitband-Bomber

Eigenschaft Details
Störfrequenz 100–500 MHz, 2.4 GHz (USB 3.0)
Charakteristik Periodische Spikes alle 100 MHz
Ursache Taktgeneratoren, USB-Datenleitungen

Dein Computer ist eine Störquelle auf Beinen. Der CPU-Taktgenerator, die RAM-Module, die USB-Schnittstellen – alles erzeugt elektromagnetische Felder. Besonders USB 3.0 ist berüchtigt: Es stört massiv im 2.4 GHz-Band – genau dort, wo WLAN und Bluetooth arbeiten.

Der Test: SDR über eine 3 Meter USB-Verlängerung anschließen. Abstand zum Computer = weniger Störungen.

Die Lösung: USB-Isolatoren verwenden, Ferrite ans Kabel, SDR möglichst weit vom PC entfernt betreiben.

Monitore und HDMI-Kabel – Die Harmonischen-Fabriken

Eigenschaft Details
Störfrequenz 148.5, 297, 594, 891 MHz
Charakteristik Schmale Spikes bei bestimmten Frequenzen
Ursache Pixel-Takt Harmonische

HDMI überträgt Daten mit 148.5 MHz Pixel-Takt (1080p). Die Harmonischen dieses Takts tauchen als schmale Störspitzen im gesamten VHF/UHF-Bereich auf.

Der Test: Monitor ausschalten oder HDMI-Kabel abstecken.

Die Lösung: Geschirmte HDMI-Kabel, Ferritkerne an beiden Enden.

Der Kühlschrank – Der Boss der Appliance-Resistance

Der Kühlschrank verdient besondere Erwähnung. Sein Kompressor schaltet mehrmals pro Stunde ein und aus – und jedes Mal gibt es einen elektromagnetischen Impuls. Moderne Kühlschränke mit Inverter-Kompressor sind sogar noch schlimmer: Sie regeln stufenlos und erzeugen kontinuierlich Störungen.

Die Lösung: Akzeptieren. Der Kühlschrank muss laufen. Aber: SDR-Antenne möglichst weit weg aufstellen.


Die Störquellen-Jagd

Du willst wissen, welches Gerät stört? Hier ist dein Jagdplan:

Methode 1: Systematisches Ausschalten

  1. Baseline aufnehmen – SDR einschalten, Noise-Floor notieren
  2. Sicherungen einzeln ausschalten – Raumweise das Haus stromlos machen
  3. Schuldigen identifizieren – Wenn das Rauschen sinkt, ist der Täter im ausgeschalteten Stromkreis
  4. Gerät identifizieren – Im verdächtigen Raum einzelne Geräte ausstecken

Methode 2: Der HackRF als Störungsdetektor

# Störungen über Frequenzbereich scannen
hackrf_sweep -f 50:1000 -w 100000 -l 16 -g 16 > baseline.csv

# Gerät einschalten, erneut scannen
hackrf_sweep -f 50:1000 -w 100000 -l 16 -g 16 > mitgeraet.csv

# Differenz zeigt Störfrequenzen

Methode 3: Die Ferrit-Wanderung

Ferritkerne sind wie Diagnose-Tools. Klemme einen Ferrit ans Kabel eines verdächtigen Geräts. Wenn die Störung sinkt: Täter gefunden. Wenn nicht: nächstes Gerät.


Die Störquellen-Tabelle

Störquelle Frequenzbereich Störungstyp Lösung Schwierigkeit
LED-Lampe 30–300 MHz Breitband Austausch, Ferrit ⭐⭐
Schaltnetzteil 50 kHz – 30 MHz Breitband Linear-NT, Ferrit ⭐⭐⭐
USB 3.0 2.4–2.5 GHz Breitband USB 2.0 Port
HDMI-Kabel 150, 300, 600 MHz Spikes Geschirmtes Kabel ⭐⭐
Laptop-Ladegerät 100 kHz – 10 MHz Kontinuierlich Akkubetrieb
Kühlschrank Breitband-Impulse Periodisch Abstand
WLAN-Router 2.4, 5 GHz Dauersignal Abstand, Kanal

Die Gegenmittel

Ferritkerne – Deine erste Verteidigungslinie

Ferritkerne sind billig und effektiv. Aber nicht alle Ferrite sind gleich:

Ferrit-Material Frequenzbereich Anwendung
Typ 31 1–30 MHz Kurzwelle, HF
Typ 43 30–300 MHz VHF, UKW
Typ 61 200 MHz – 1 GHz UHF

Installation: Kabel 5–10× durch den Ferritkern wickeln. Mehr Windungen = mehr Dämpfung.

Abstand – Die einfachste Lösung

Elektromagnetische Feldstärke nimmt quadratisch mit der Entfernung ab. 2 Meter Abstand statt 1 Meter = 75% weniger Störung.

  • SDR-Antenne ins Fenster, nicht neben den PC
  • USB-Verlängerungskabel nutzen
  • Wenn möglich: SDR im Garten, Daten über WLAN

Abschirmung – Der Faraday-Käfig

Für extreme Fälle: Den SDR in eine Metallbox stecken. Mit BNC-Durchführung für die Antenne. Das schirmt lokale Störquellen ab – funktioniert aber nur, wenn die Störungen über USB/Strom kommen, nicht über die Antenne.

Linear-Netzteile – Die störungsfreie Alternative

Linear-Netzteile arbeiten ohne Schaltfrequenz. Sie sind größer, schwerer, ineffizienter – aber absolut störungsfrei. Für ernsthafte SDR-Projekte die beste Stromversorgung.


Die EMV-Norm-Wahrheit

Theoretisch müssen alle Geräte die EMV-Richtlinie erfüllen. Praktisch:

  • Billigimporte schummeln beim CE-Zeichen
  • Grenzwerte sind für Normalverbraucher, nicht für SDR-Enthusiasten
  • Alterung verschlechtert die Entstörung

Die Bundesnetzagentur¹⁰ kann bei massiven Störungen helfen – aber nur, wenn die Störquelle gegen Normen verstößt.


Die 17,3 MHz Verschwörung im Alltag

Ist dir aufgefallen, dass 17,3 cm genau die Wellenlänge für 433 MHz ISM-Band ist? Und dass deine LED-Lampen zufällig in genau diesem Bereich stören?

Vielleicht ist das ein Zufall. Vielleicht ist es ein kosmisches Zeichen, dass das Universum deine Funkexperimente sabotiert.

Oder vielleicht ist es einfach schlechte chinesische Fertigungsqualität.

Aber wo wäre da der Spaß?


Fazit

Dein Zuhause ist ein elektromagnetisches Minenfeld. Aber mit systematischer Fehlersuche, ein paar Ferritkernen und etwas Abstand wird aus dem Rauschen wieder ein brauchbares Spektrum.

Die wichtigsten Regeln:

  1. Isolieren – SDR weg vom Computer
  2. Ferritieren – Kabel mit Kernen entstören
  3. Eliminieren – Billige LED-Lampen austauschen
  4. Akzeptieren – Den Kühlschrank kannst du nicht besiegen

Und wenn gar nichts hilft: Nachts ist das Rauschen immer am geringsten. Die meisten Störquellen schlafen dann auch.


Weiterführend: RTL-SDR für Einsteiger | Das 433 MHz ISM-Band | Funk-Glossar

Tags
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