CTCSS und DCS: Die geheimen Töne im Funk
Der unsichtbare Türsteher
Stell dir vor, du bist auf einem Kanal mit hundert anderen Funkgeräten. Jedes Gespräch kracht dir in die Ohren. Chaos. Genau dieses Problem lösen CTCSS und DCS – unhörbare Codes, die wie ein geheimer Handschlag funktionieren. Nur wer den richtigen Code sendet, wird durchgelassen.
Was ist CTCSS?
CTCSS¹ steht für “Continuous Tone-Coded Squelch System”. Klingt kompliziert, ist aber einfach:
- Dein Funkgerät sendet neben deiner Stimme einen unhörbaren Dauerton
- Dieser Ton liegt zwischen 67 Hz und 254 Hz – zu tief, um bewusst wahrgenommen zu werden
- Das Empfängergerät prüft: “Stimmt der Ton?”
- Nur wenn ja, öffnet sich die Rauschsperre²
Der Ton wird kontinuierlich gesendet – daher “Continuous”. Motorola nannte das System ursprünglich “Private Line” (PL), weshalb ältere Funker manchmal von “PL-Tönen” sprechen.
Die 50 CTCSS-Töne
Es gibt 50 standardisierte CTCSS-Töne³:
| Code | Frequenz | Code | Frequenz | Code | Frequenz |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 67,0 Hz | 18 | 131,8 Hz | 35 | 203,5 Hz |
| 2 | 71,9 Hz | 19 | 136,5 Hz | 36 | 206,5 Hz |
| 3 | 74,4 Hz | 20 | 141,3 Hz | 37 | 210,7 Hz |
| 4 | 77,0 Hz | 21 | 146,2 Hz | 38 | 218,1 Hz |
| 5 | 79,7 Hz | 22 | 151,4 Hz | 39 | 225,7 Hz |
| 6 | 82,5 Hz | 23 | 156,7 Hz | 40 | 229,1 Hz |
| 7 | 85,4 Hz | 24 | 162,2 Hz | 41 | 233,6 Hz |
| 8 | 88,5 Hz | 25 | 167,9 Hz | 42 | 241,8 Hz |
| 9 | 91,5 Hz | 26 | 173,8 Hz | 43 | 250,3 Hz |
| 10 | 94,8 Hz | 27 | 179,9 Hz | 44 | 254,1 Hz |
| 11 | 97,4 Hz | 28 | 186,2 Hz | – | – |
| 12 | 100,0 Hz | 29 | 192,8 Hz | – | – |
Die Abstände zwischen den Tönen sind bewusst unregelmäßig – das reduziert die Wahrscheinlichkeit von Fehlauslösungen durch Obertöne⁴.
Was ist DCS?
DCS⁵ (Digital-Coded Squelch) ist der digitale Nachfolger:
- Statt eines analogen Tons wird ein digitaler Code übertragen
- Die Übertragung erfolgt mit 134,4 Bit/s
- Es gibt 104 verschiedene Codes (D023 bis D754)
- Zusätzlich kann jeder Code normal oder invertiert gesendet werden
DCS ist robuster gegen Störungen als CTCSS und bietet mehr Kombinationen. Bei PMR446-Funkgeräten ist DCS mittlerweile Standard.
Wie funktioniert die Technik?
CTCSS im Detail
Der CTCSS-Ton wird dem Sprachsignal vor der Modulation⁶ beigemischt. Im Empfänger gibt es zwei Pfade:
- Sprachpfad: Enthält einen Hochpassfilter⁷, der den CTCSS-Ton (~300 Hz Grenze) herausfiltert
- Tonpfad: Enthält einen Tiefpassfilter und einen Ton-Decoder
Der Decoder vergleicht den empfangenen Ton mit dem eingestellten. Stimmen sie überein, gibt er die Rauschsperre frei.
DCS im Detail
DCS überträgt einen 23-Bit-Code kontinuierlich (Golay-Code):
- 12 Bits Daten (feste Oktalziffer 4 + 3 Oktalziffern für den Code)
- 11 Bits CRC für Fehlererkennung und -korrektur
Die Übertragung erfolgt als FSK⁸ mit ±600 Hz Hub. Der Decoder prüft kontinuierlich, ob der richtige Code ankommt.
Wichtig: Keine Verschlüsselung!
Das ist der häufigste Irrtum:
CTCSS und DCS sind KEINE Verschlüsselung!
Jeder kann deine Übertragung mithören – er muss nur CTCSS/DCS ausschalten oder den Monitor-Modus aktivieren. Die Systeme filtern nur, was du hörst, nicht was andere hören können.
Für echte Privatsphäre bräuchtest du Sprachverschlüsselung – und die ist bei den meisten Funkdiensten (wie PMR446) nicht erlaubt oder nicht verfügbar.
Wann nutzt man was?
| Situation | Empfehlung | Grund |
|---|---|---|
| Großveranstaltung | CTCSS oder DCS | Trennung verschiedener Gruppen |
| Baustelle | DCS | Robuster bei Störungen |
| Familie im Urlaub | DCS | Mehr Privatsphäre (gefühlt) |
| Amateurfunk Relais | CTCSS (1750 Hz Ton) | Tradition, Standardisierung |
| Betriebsfunk | DCS | Professioneller Standard |
Das Problem der “Unterkanäle”
Manche PMR446-Geräte werben mit “121 Kanälen” oder ähnlich. Das ist Marketing-Schwindel:
- Es gibt nur 16 echte PMR446-Kanäle
- Die zusätzlichen “Kanäle” sind Kombinationen aus Kanal + CTCSS/DCS-Code
- Zwei Geräte mit gleichem Kanal aber unterschiedlichem Code blockieren sich trotzdem!
Du hörst den anderen nur nicht – aber wenn ihr gleichzeitig sendet, gibt es Interferenzen⁹. Der Code ändert nichts an der physikalischen Realität: Ein Kanal ist ein Kanal.
CTCSS/DCS mit SDR empfangen
Mit einem SDR¹⁰ kannst du CTCSS/DCS-Codes analysieren:
- Empfange das PMR446-Signal (446 MHz)
- Demoduliere mit FM
- Analysiere das Audiosprektrum unter 300 Hz
CTCSS-Töne erscheinen als schmale Peaks im Spektrogramm. DCS zeigt sich als digitales Rauschen mit charakteristischem Muster.
Software wie SDR# mit dem Plugin “CTCSS Decoder” oder spezialisierte Tools wie PDW können den Code direkt anzeigen.
Geschichte und Zukunft
CTCSS wurde in den 1960er Jahren von Motorola entwickelt – ursprünglich unter dem Namen “Private Line”. Die Konkurrenz (GE, RCA) entwickelte kompatible Systeme unter eigenen Namen: “Channel Guard”, “Quiet Channel”, “Tone Guard”.
DCS kam in den 1980er Jahren auf, als digitale Schaltkreise günstig wurden. Es löste das Problem der manchmal fehlerhaften analogen Tonerkennung.
Heute dominiert DCS im professionellen Bereich, während CTCSS bei Amateurfunk-Relais weiterhin Standard ist – Tradition siegt über Technologie.
Praktische Tipps
- Im Zweifelsfall: Code 0 (Aus): So hörst du alle Signale auf dem Kanal
- Dokumentiere deinen Code: Wenn du nach Monaten das Funkgerät wieder nutzt, weißt du noch welchen?
- Teste vor dem Einsatz: CTCSS/DCS aus verschiedenen Herstellern sind manchmal inkompatibel
- Bedenke die Reichweite: Bei schwachem Signal kann der Decoder versagen – du hörst dann nur Rauschen, obwohl noch Sprache durchkommt
Fazit
CTCSS und DCS sind nützliche Werkzeuge, um Funkverkehr zu filtern – aber keine Sicherheitslösungen. Sie geben dir Ruhe vor fremden Gesprächen, garantieren aber weder Privatsphäre noch exklusiven Kanalzugang.
Versteh sie als höfliche Türsteher: Sie lassen nur rein, wer den Handschlag kennt. Aber wer wirklich will, kommt auch ohne Handschlag rein.
Weiterführende Artikel: PMR446 Funkgeräte | RTL-SDR für Einsteiger
Dieser Artikel ist Teil des Hintergrundwissens zum Techno-Thriller von Kairos Aletheia. Frequenzen, SDR und Funktechnik - verständlich erklärt.
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